23.11.1987

Vorspiel

1987, München
Performance von 10 Personen ohne Zuschauer
aufgezeichnet auf VHS-Video, ca. 120 Minuten

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Hans Rosenthal hätte als Junge gern bei Hertha BSC Fußball gespielt,
Juden war das in Nazideutschland jedoch verboten

Das Privatfernsehen hatte gerade erst begonnen. Es war noch die Zeit, in der TV-Sendungen kollektive Ereignisse darstellen konnten. Und das nicht nur als Übertragung einer Fußball-WM, sondern als Krimi oder Fernsehshow. Dalli Dalli! war so eine Sendung. Eine Rateshow mit Prominenten, die heute unvorstellbare Einschaltquoten von 90% erreichte. Praktisch jeder schaute also am Donnerstag dieses „Ratespiel für Schnelldenker“, moderiert von Hans Rosenthal. Auch einige spätere reproducts-Mitglieder saßen damals gebannt vor der Kathodenröhre. Aber erst sehr viel später sollte ihnen bewusst werden, welche Rolle dieser Mann im postfaschistischen Deutschland wirklich spielte. Was für einen unbedingten Wunsch zur Versöhnung einen offensichtlich sehr großherzigen Menschen da trieb, der scheinbar nichts lieber wollte, als mit anderen, meist fremden Menschen ein bisschen Zeit mit lustigen Spielereien zu verbringen. Das alles nachdem er, der Jude Hans Rosenthal, die letzten Kriegsjahre von zwei mutigen Frauen in einer Berliner Kleingartensiedlung versteckt worden war. Dort hockte er in einer Gartenlaube und sprang bei jedem verdächtigen Geräusch in ein gut getarntes Erdloch, um nicht doch noch den Häschern der Gestapo oder denuziatorischen Nachbarn in die Hände zu fallen. Sein Ende in der menschenbetriebenen Mordmaschine des faschistischen Deutschlands wäre besiegelt gewesen .

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Für uns der absolute Star am Himmel der deutschen TV-Unterhaltung: Hans Rosenthal

All dessen sind sich die Beteiligten damals, 1987, durchaus bewusst gewesen. Und so ist es ein wahrhaft trauriger Tag, als die Nachricht von Hans Rosenthals Tod morgens zunächst in Rosenthals Heimat-Medium, dem Rundfunk, dann in der Presse und abends schließlich im Fernsehen verkündet wird.

Am 10. Februar treffen sich darauf hin spontan (und das heißt hier durch Telefonate vermittelt, meistenteils mit Schnurtelefonen geführt – BTX hatten nicht alle Teilnehmer und das Internet stand sowieso noch nicht zur Verfügung) zehn Personen in einer Münchner Fabriketage, um eine Dalli Dalli!-Show aus ihrer gemeinsamen Erinnerung nachzustellen. Wie sich später herausstellt, ist aus Teilen dieser Konstellation knapp zwei Jahre später die Gruppe reproducts hervorgegangen.

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Die Gruppe Abart hatte Mühe, sich gegen die Gruppen
Alter, Aussatz und Amnesie zu behaupten

Die Videoaufzeichnung der Performance ohne Zuschauer – wie anhand der beiden Stills unschwer zu erkennen – ist auf Grund mangelhaften Bandmaterials in traumageschüttelten Händen nur bruchstückhaft erhalten. Auszüge aus den Übrigbleibseln wurden einmalig auf dem Inventur-Abend im Jahre 1993 öffentlich vorgestellt. (Der im zweiten Bild ganz links kniende Rainald Goetz ist übrigens kein Mitarbeiter von reproducts.)

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