07.09.1999

Salzhölle der Flamingos

Tierfilme als Propaganda

Fernsehmuseum: Dokus: Tiere

flamingos

Flamingos becircen die Naturfilmer immer wieder mit ihrer rosa Schönheit, die in der Gefahr blüht, und machen sie redselig über ihr eigenes Innenleben.

Dokumentarfilm ist eine Fiktion - doch wie immer ist dies nur die halbe Wahrheit. Kaum jemand dokumentiert das besser als der alte Tierfilmer-Haudegen Vitus B. Dröscher – und zeigt das auch ganz offen in Dröschers Tierwelt. Nie wurde der Überlebenskampf in der Fauna packender und frontberichterstattermäßiger geschildert als von diesem Apologeten der Schicksalsbestimmung. Schon die Eröffnungszene der Serie, die Mitte der 90er Jahre auf Sat1 lief, ist ein Bwana-Traum erster Klasse. Vitus B. vor fragwürdiger Dschungelkulisse auf dem Beifahrersitz im offenen Daktari-Jeep, der schwarze Boy am Steuer, und seine Frau sitzt hinten und hält das Maul (Lebenszweck: Kopf gegen Überrollbügel schlagen). Und dann führt er uns ein in die Travestie-Welt dieser rosa Schönheiten, die mit ihren Lederstrumpfbeinen in der Säurehölle der Salzseen herumstehen, während sie von „jungen Kampfadlern“ angegriffen werden. Die Pforten der Wahrnehmung hängen bei Vitus B. nur noch lose in den Angeln, wenn er sich an seinen sozialdarwinistischen Idealen, seiner latenten Homophilie und seinen sadomasochistischen Obsessionen wortreich abarbeitet.

droescher

Soweit, so lustig. Aber das Fernsehmuseum wäre nicht das Fernsehmuseum, wenn es nicht um immer noch mehr ginge. Selbstverständlich ist Dröschers TV-Doku über Flamingos nur ein krasser Ausrutscher. Aber er schärft die Sinne. Auch andere Flamingo-Dokumentaristen tappen in dieselbe Falle. Wort, Bild und Montage anthropomorphisieren, was das Zeug hält. Immer wieder der völlig zusammenhanglose Zusammenhang zwischen Schönheit einerseits und Schicksal andererseits.

Das Fazit: Dokumentarfilme präsentieren zwar kein sogenanntes objektives, umfassendes Dokument eines Außen, sehr wohl aber ein Dokument des Innenlebens der Schöpfer. Nicht das Abgebildete ist wahr, sondern der Blick darauf.

Nach so viel reflektorischer Arbeit darf sich das Publikum bei einer Folge Mein Freund Ben von 1969 ausruhen, in der der große, gutmütige Ben (ein 2 Meter großer Grizzly) dem Wildhüter beim Beseitigen einer Flamingofalle in den Sümpfen Floridas hilft.

Diese Betrachtung der scheinbar so unpolitischen „TV-Doku“ sorgte für Aufsehen:

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