05.11.2002

Der Blick ins Dunkle

Blinde Maler im Wilden Westen

Fernsehmuseum: Serien: Muster

An diesem Abend erschließt das reproducts-Fernsehmuseum ein extrem spezialisiertes Sujet: Maler in Fernsehserien. Genauer: erblindete Maler. Noch genauer: erblindete Kunstmaler in Westernserien. Ben Cartwright von der Ponderosa und Charles Ingalls von der Kleinen Farm werden uns die Augen öffnen, um die Wahrheit zu sehen.

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Die Thematik macht zunächst sprachlos. Hier werden Widersprüche zusammengefügt, die alle Klischees von Western und künstlerischer Produktion zu brechen scheinen: zarte Kunst und rauhe Kuhjungs – Zenit der Visualität und stockdunkle Finsternis. Damit ist klar, dass es sich nur um eine Metapher handeln kann, die als Bühne für ein tiefenpsychologisches Drama dient. Was also genau passiert?

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In »Ben und der blinde Maler« aus Bonanza geht es um einen bekannten Maler, der auf dem Höhepunkt seines Ruhms sukzessiv das Augenlicht verliert. Ben Cartwright freundet sich mit ihm an und versucht, seine Verzweiflung zu lindern. Zum Schluss gibt es Licht am Ende des Tunnels. In dieser Serienfolge dient Blindheit als augenfälliges Symbol für Impotenz. Der potente Ben hilft dem nicht mehr so ganz im Saft stehenden Maler, sich mit seiner Situation abzufinden. Er unternimmt beispielsweise Schießübungen mit ihm, indem er dessen „Schießprügel“ mit Zielangaben dirigiert und schließlich sogar selber führt, auch wenn selbst diese Handreichung keine Erleichterung schafft. Am Ende hat der Maler seine Lektion schließlich doch gelernt und begriffen, dass es nicht nur auf den „Pinsel“ ankommt, sondern auch auf die inneren Werte, wegen derer man trotzdem geliebt wird.

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In der Folge »Die blinde Malerin« aus Unsere kleine Farm ist Blindheit bereits völlige Normalität. Die Malerin hier malt fotorealistische Prärie-Stücke. Die Fragen, wie sie die Farben auf ihrer Palette anmischt, ohne immer nur braun hinzukriegen, oder warum sie Jackson Pollock nicht lange vorwegnimmt, verschwinden in der fraglosen Akzeptanz des Unmöglichen. Vielmehr bewegt die Ingalls die unglückliche familiäre Situation, in der die Malerin steht. Man organisiert eine Kunstausstellung im staubigen, kleinen Walnut Grove. Hier kommt es zum Höhepunkt. Die Familie versöhnt sich, und so hat die Kunst doch einen Zweck gefunden.

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Die Figur des Malers zeigt in dieser seriellen Form des Alltags einen leidenschaftlichen Menschen, der die Fähigkeit hat, die Schönheit, die er schaut oder aus sich selber schöpft, in ein Bild zu bannen. Diese exotische Figur dient als Antipode zu den üblichen Charakteren. Der Künstler hat die Aufgabe, die die Serie bevölkernden Alltagsmenschen zu kontrastieren und dadurch noch normaler sowie ihre künstliche Realität noch realer erscheinen zu lassen. Soweit ein schlüssiges Konzept. Aber dann schlägt die Fiktion in die Realität zurück: Die Drehbuchschreiber werden an die Unzulänglichkeit, Langeweile und den repetitiven Unsinn der von ihnen selbst geschaffenen Fernsehwelten erinnert. In einem Akt der privaten Psychohygiene beginnen sie, den Charakter des Malers zu hassen. Es sind die Augen, die als Tor zur Utopie eines anderen Lebens im Zentrum dieses Hasses stehen. Folglich konzentriert sich die ganze Negation der gefallenen Schöpfer auf diese Fenster der Seele, die wie eine Gruft zugemauert werden müssen. Diese Nichtung lindert den eigenen Schmerz, denn sie birgt das Heldenhafte der Zyklopenblendung in sich, auch wenn der glühende Stab doch nur in den eigenen Kopf fuhr. Aber in einem Zustand fortgeschrittener Spaltung bleibt dieser Schmerz ungefühlt. Das Tagesgeschäft übernimmt wieder das Regiment. Eine zusammengestoffelte, dünne Geschichte um den blinden Seher kaschiert den inneren Zwist um Anspruch und Notwendigkeit, der ein typisches Symptom für späte Folgen aus einer langlaufenden Serie ist.

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