05.03.2002

Doppelgänger²

Bonanza singt das Hohelied des Eigentums

Fernsehmuseum: Serien: Muster

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Bonanza ist eine tolle Serie und Ben Cartwright ist der tolle Vater der Ponderosa-Sippe. Was könnte da toller sein, als ihn gleich zweimal auftauchen zu lassen? Einmal als den guten Ben und gleichzeitig als seinen bösen Schatten, der sich seines Platzes und Besitzes zu bemächtigen sucht. Da Bonanza aber eine der außergewöhnlichsten und langlebigsten Serien (und die erste Farbserie im deutschen Fernsehen) ist, macht man es hier doppelt so toll, indem so ein Plot gleich zweimal kurz hintereinander in der Serie auftaucht. Das Fernsehmuseum zeigt daher unmittelbar hintereinander die beiden Klassiker von Bonanza »Wer ist Ben Cartwright« und »Der doppelte Ben Cartwright«.

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Ben Cartwright, präindustrieller Großgrundbesitzer im amerikanischen Westen, hat alles erreicht:

Er hat sich ein unendlich großes Stück Land angeeignet, das als nie versiegende Quelle des Reichtums (englisch „bonanza“) mit allem was darauf wächst und gedeiht für immer in seinen und seines Geldes Diensten steht.

Und er hat es geschafft, sich gleich dreimal in Form dreier prächtiger Söhne von drei verschiedenen Frauen zu reproduzieren.

Und er hat es zudem geschafft, seine Frauen auch zu überleben. Seitdem gilt das Gesetz, dass Frauen, die die Männerwelt der Ponderosa-Ranch penetrieren, am Ende entweder in Särge oder in Postkutschen steigen müssen. Nur ein kleines Zugeständnis an das Weibliche gibt es im Hause Cartwright: den liebenswerten, langzopfigen, auf das Leben in der Küche abgerichteten Chinesenkoch Hop-Sing (die Folge, indem ihm sein Zopf abgeschnitten wird, zeigt das reproducts-Fernsehmuseum im Rahmen eines Freud-Themenabends zur Vagina Dentata an einem späteren Zeitpunkt).

Auf so ein Lebenswerk kann ein Ben Cartwright natürlich mit Stolz blicken - andere tun dies vielleicht mit Neid. Um eine besondere Form des Neids geht es gleich in zwei Folgen dieser klaustrophobischen Familienserie: die des Selbstneids.

Das Drehbuch nämlich spaltet von dieser gutmütigen, ehrlichen, in Grenzen großzügigen Persönlichkeit des Großkapitalisten Ben Cartwright ein Ebenbild ab, das – arm, betrügerisch und verschlagen – versucht, sich mittels seiner äußeren Erscheinung an Bens Stelle zu setzen. Es gibt viele Verwicklungen. Aber am Ende darf natürlich nicht ein verschlagen-betrügerischer Großgrundbesitzer auf dem Thron sitzen, sondern wieder der gerecht-großzügige, das ist nun mal das Gesetz des Westens.

Dieser verwirrende Stoff wurde mit einigem zeitlichen Abstand gleich zweimal in Serie gepresst, in der Hoffnung, dass der Zuschauer schnell vergisst. Wir jedoch vergessen nie!

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