02.04.2002

Krankheiten, über die man nicht spricht

Das Schreckenskompendium der Gesundheitsratgeber im Fernsehen lässt keine fragende Körperöffnung offen

Fernsehmuseum: Magazine: Ratgeber

impotenz
Hans Mohl, Schöpfer von Gesundheitsmagazin Praxis und damit der Übervater der deutschen Medizin-Sendungen

Manchmal bricht der Bann des Schweigens und zu fortgeschrittener Stunde beichten sich wildfremde Menschen in Küchen von Partylocations ihre Zipperlein. Form und Farbe des Stuhls werden plötzlich ebenso nüchtern analysiert wie die verschiedenen ziehenden Schmerzen in den verschiedenen Wurmfortsätzen und Leibeshöhlen. Allerdings ist dann niemand mehr nüchtern! Der Alkohol hat die Zunge gelöst, und wer die Kurve nicht zu einem Gefummel mit Aussicht auf Vollzug gekriegt hat, blubbert das Innerste nach außen und füllt die Leere eben verbal.

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Nicht so im Fernsehen. Der Marktplatz des globalen Dorfes bietet für jede Betroffenengruppe ein Sprachrohr. Dafür sorgen die privaten Sender in ihren Talkshows. Die öffentlich-rechtlichen Sender kommen selbstverständlich ihrem Bildungsauftrag nach und geben allerlei Tipps, mit den Malaisen umzugehen. Während bei Hans Meiser oder Vera am Mittag einfach nur mal ausgesprochen wird, wie es untenrum ausschaut, legen Sendungen wie Ratgeber Gesundheit oder Visite gern auch mal Hand an, um da noch einmal nachzufühlen und den lästigen Hautlappen vielleicht wieder zurückgestopft zu bekommen.

Das Fernsehmuseum hält für jedes Tabuthema eine Ratgebersendung parat. Wieder einmal zeigt sich, dass der Grat zwischen wirklich ernsthafter, wichtiger Information und sinnloser Zurschaustellung im Rahmen einer Freakshow sehr schmal ist.

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Komplexe Themen griffig aufzubereiten, war die große Stärke von Hans Mohl