01.10.2002

Hitlers Fernsehgarten

Gute Unterhaltung kommt niemals aus der Mode!

Fernsehmuseum: Anfänge

Diesmal legt das Fernsehmuseum eine Nachhilfestunde ein und geht zurück zu den Anfängen des Fernsehens, das in Deutschland zweimal geboren wurde. Zwei Dokumentationen beleuchten die allerersten Versuche in der Übertragung von bewegten Bildern und danach den Beginn dessen, was wir heute unter Fernsehen verstehen.

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In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde in Berlin der regelmäßige Fernsehbetrieb aufgenommen. Die erste TV-Show, die damals vom Dach des Senders ausgestrahlt wurde, hieß Fernsehgarten: ein bunter Strauß aus Gesangsnummern und kleinen Interviews. Wie man sieht, überdauern gute Konzepte locker 1000 Jahre. Auch sonst hat sich im Grunde nicht viel geändert. Tipps für die Hausfrau, Kochsendungen und vor allem leichte Muse als Ablenkung gegen den Krieg mit dem Alltag. Egal – einfach mal mit Ilse Werner oder Kiwi auf die ganze Scheiße pfeifen, die mit jedem Luftholen brav weiter konsuliert wird. Die einzige Entwicklung scheint da zu sein, dass wir es von 30 Schwarzweiß-Zeilen auf immerhin 576 resp. 1080 Farb-Zeilen geschafft haben.

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Dennoch lassen sich diese Bilder in ihrer putzigen Primitivität leicht distanzieren. Schwieriger wird das bei einer grandiosen Dokumentation aus den frühen 60er Jahren: Fernsehfieber - Bemerkungen über das Massenmedium und sein Publikum (von Dieter Ertel, Drehbuch ; Georg Friedel, Regie ; Hartmut Missbach, Kamera). Der handwerklich und journalistisch erstklassige Film zeigt uns, warum die Durbridge-Mehrteiler damals „Straßenfeger“ genannt wurden. Wie ungeheuerlich dieses neue Massenmedieum in sämtliche alltäglichen Abläufe eingreift, viele sofort zerstört, andere neue schafft. Eine denkwürdige Bestandsaufnahme aus der Zeit, als das Fernsehen langsam allgemein verfügbar war. Allzumal für eine Generation, die gerade das Aufstarten eines weiteren neuen Massenmediums erlebt hat. Aus zahlreichen Stellungnahmen von Passanten entsteht ein Bild, wie die „Flimmerkiste“ auf die Menschen, ihr Freizeitverhalten, ihre Kommunikation und ihr Denken wirkt. Schockierend die Interviews mit Fernsehverantwortlichen und Vorständen von Bürgerinitiativen (auch wenn es dieses Wort damals noch gar nicht gab). Hochgebildete, prononciert sprechende Geisteswissenschaftler in eleganten Büros halten die Fahne des Bildungsauftrages und den Anspruch der umfassenden Interessenabdeckung hoch. Dagegen sitzen verhutzelt-verstruppte Piesepampel an wachstuchbespannten Küchentischen und schwadronieren darüber, wie schlimm das Fernsehprogramm doch sei. Wirr, aber wortreich formieren sie Bürgerbegehren, damit endlich mehr für die Unterhaltung der Zuschauer getan werde. Und formulieren dabei exakt das Programm, was sich seit den 90er Jahren bei uns entwickelt hat. Eben noch lachte man über diese Knallchargen, aber wenn man kurz umschaltet, sieht man, dass ihre Vorstellung sich durchsetzen sollte und sie exakt das Programm von RTL vorausgesehen haben. Während die Geisteswissenschaftler curaresteif im Boden der Showbühne von Kiwis Fernsehgarten liegen und mit ihren zugenähten Mündern hilflos mitanhören müssen, wie auch noch der letzte Anspruch an irgend etwas außer den Konsumwillen der Zuschauer wegmoderiert wird.

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„Wünschelruten für Sphärenschätze“ … 1963 begegnete der Autor Dieter Ertel dem Fernsehen noch mit Poesie – das Fernsehmuseum dankt für dieses einmalige sprachliche Kleinod