05.01.2007

Die Erfinder des Röhren-Holodecks

Mission Impossible – Kobra, übernehmen Sie!

Fernsehmuseum: Serie: Krimi

kobra

Ein Streichholz entzündet eine Lunte, die am unteren Bildrand verbrennt. Darüber in rasender Geschwindigkeit eine Montage aus Bildern des bevorstehenden Abenteuers. Wieder einmal werden Jim Phelps und seine Kollegen von der IMF ("Impossible Mission Forces") mit neuester Technik und perfiden Täuschungsmanöver wahlweise korrupte US-Bürger, aufmüpfige Kleinstaat-Diktatoren oder umstürzlerische Anarchisten – also Handlanger des Terrors auf der Achse des Bösen – um die Ecke oder wenigstens in den Knast bringen. Das Fernsehmuseum zeigt in seiner diesmaligen Materialisation zwei Folgen von Kobra, übernehmen Sie!, die sehr eigenwillige, fremde Welten bauen. In »Willkommen in Klein-Amerika« (Folge 10 der 169-teiligen Serie) wird ein Trainingslager von Kommunisten ausgehoben, die in einer simulierten amerikanischen Kleinstadt das Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten proben, damit sie nicht über fließend Wasser, Straßenbeleuchtung oder Telefonklingeln erschrecken und sich so vorzeitig enttarnen. In »Da capo!« (Folge 129) gibt William Shatner den Gaststar als böser Mafiaboss, dem die Kobra-Leute ein Geständnis von einem Mord entlocken, den er vor 30 Jahren begangen hatte. Dazu versetzen sie ihn mit Hilfe von Hyper-Make-up, Vitaminspritzen und einer Filmstudiokulisse in die 30er Jahre zurück …

Mission Impossible war 1966 ein Schock für die amerikanischen Zuschauer – wie auch für die deutschen ein Jahr später. So schnell, so radikal hatte man Fernsehen bisher nicht gesehen. Kaum Dialog, schnelle Schnitte, ungewöhnliche Kameraperspektiven, eine elektrisierende Titelmusik und ein schier unerschöpflicher Reichtum an technischen Gimmicks und bizarren Illusionen, mit denen den Feinden der „freien Welt“ das Handwerk gelegt wird.

Das Ganze verabreicht in einer sehr starren Form: Der Vorspann mit den Teasern der brenzligen Situationen, die Information über einen toten Briefkasten mit einem Tonband, das sich jeweils nach Übermittlung selbst zerstört, das Auswählen des Stabes für diesen Auftrag, die kurze Besprechung des Vorgehens, das eigentliche Ausführen des unmöglichen Auftrags und dann das Wegfahren vom Tatort – immer ohne einen Blick zurück. Da wird nicht „gefragt“, „hineingedacht“ oder gar „verstanden“. Phelps und seine Leute handeln – als präzise Techniker und eiskalte Lügner, die keiner Moral verpflichtet sind. Wozu auch? Sie stehen schließlich immer auf der richtigen Seite – auf der Seite der USA. Damit erübrigt sich jede weitere Rechtfertigung. Mitgefühl und Zweifel haben in diesem Konzept keinen Platz und bleiben ebenso zurück wie die Hereingelegten und Getöteten, von denen die Truppe stur nach vorn blickend davonbraust.

Wie alle guten Serien liefert Kobra, übernehmen Sie! den Zuschauern eine ambivalente Botschaft. Einerseits zeigt sie Menschen, die ohne ethische Klötze an den Beinen ihren Weg gehen und dabei uneingeschränkte Herrscher über Technik und Realität sind. Das sind die Leute, die in Vietnam ebenso gebraucht werden wie am Eisernen Vorhang, um dort die einzig wahre Wahrheit zu inthronisieren. Gleichzeitig sind Phelps und seine sich wortlos verstehenden Kollaborateure ein Abbild der neuen, individualisierten Jugendkultur. Jeder lebt für sich und ist keiner sozialen Struktur wie Familie oder Staat mehr verpflichtet. Einzige Maxime ist die Erhaltung der Grundlage dieser Lebensform. Dafür werden jeweils temporär strategische Partnerschaften geschlossen, die so haltbar sind, wie die Erfüllung ihres Zwecks in Anspruch nimmt. Dies jedoch mit ersterer Botschaft unter einen Hut zu bringen, ist eigentlich das Unmögliche an dem Auftrag.