01.06.2007

Von Löwenzahn zu Gilbert & George

Fernsehen mit und über Kunst

Fernsehmuseum: Kunst

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Von Februar bis Mai 2007 hatte die Tate Modern in London ein gesamtes Stockwerk ausgeräumt, um einer einzigartigen Künstlerfigur zu huldigen: Gilbert & George. Im Zuge dieser Ausstellung gab das Duo auch eine seiner äußerst seltenen Vorstellungen im Fernsehen. Natürlich taten die beiden das nicht irgendwo und irgendwann, sondern in der wichtigsten und unterhaltsamsten Abend-Talkshow des britischen Fernsehens:

Friday Night With Jonathan Ross. Der Starmoderator ist sichtlich ehrfurchtsgeschüttelt von der Anwesenheit der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerfigur Englands, wenn nicht der ganzen Welt. Immerhin sitzen da nicht die üblichen Eintagsfliegen des Showbiz vor ihm, sondern zwei freundliche ältere Herren, die seit 40 Jahren kompromisslos Kunst machen, sich von keiner Strömung vereinnahmen lassen, sich an keine Mode hängen – und damit auch noch Erfolg haben! Doch so wenig die beiden notorischen Anzugträger in das modische Medium der Eintagsfliegen passen, wissen sie es dennoch zu bedienen. 10 Minuten in einem nicht immer leicht verständlichen Englisch, in denen es gelingt, das Mysterium Gilbert & George durch ihre reale Anwesenheit noch irrealer und rätselhafter werden zu lassen – das ist wirklich ganz großes Fernsehen!

Um mit so einem artifiziellen Schock fertig zu werden, verabreicht das Fernsehmuseum vorab eine kontradiktorische Desensibilisierungsbehandlung. Infusion A gibt Peter Lustig, der latzköpfige Moderator von Löwenzahn – er will nämlich Künstler werden. Infusion B ist auf ganz andere Weise völlig durchgeraschelt: Jean-Pierre Raynaud, ein Objektkünstler, der sich in den 70er Jahren intensiv mit seinem 300qm-Haus beschäftigte, das er innen komplett weiß kachelte. Dabei baute er das Haus mehrfach um, setzte neue Fenster ein, mauerte sämtliche Öffnungen zu und baute sogar sämtliche Sitzmöbel basierend auf einem Vielfachen des Kachelmaßes. Irgendwann wurde ihm das zu bunt, und er ebnete das Haus ein.

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Wer dann immer noch nicht dem Diktum Joseph Beuys’ gefolgt ist, dem zeigt Homer von den Simpsons, dass wirklich jeder ein Künstler werden kann – wenn die anderen das glauben …