23.03.2007

Kunstfälschung

2007
PDF-Dokument, 8 Seiten DIN A4, Text und Abbildungen
gefälschtes Exposé für die Teilnahme an einer Ausschreibung der NGBK, Berlin

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– für eine Großansicht bitte auf das Bild klicken –

Das Internet ist bekanntermaßen voller Fährnisse. Eines davon ist, dass Grafiken und Bilder weltweit jedem Menschen mit einem Internetanschluss und Empfangsgerät zur Verfügung stehen. Wie zum Beispiel das Logo von reproducts und die detaillierten Ausführungen zu der Gruppe, ihrer Arbeitsweise und den Absichten – Material, das sich jeder mit einem Mausklick zu eigen machen kann.
Am 1. April 2007 erhielten wir einen Anruf aus Berlin, eine alte Weggefährtin aus Tötensener Tagen meldete sich und wir hielten zunächst für einen kruden Aprilscherz. Sie saß gerade in der Jury der NGBK, die mit der Sichtung der Einsendungen zur Ausschreibung für die künstlerische Gestaltung des U-Bahnhofes Berlin-Alexanderplatz der Linie U2 beschäftigt war, und wählte den direkten Draht, um uns darauf hinzuweisen, dass wir noch ein Formular vergessen hätten.
Eine sehr freundliche Geste, doch wir verstanden nur Bahnhof. Schließlich agiert reproducts grundsätzlich nach dem Motto „call us, we won't call you“, und auch in diesem Fall hatte kein Mitglied an der Ausschreibung teilgenommen. Über die in dem Exposé angegebene (falsche) Postadresse von reproducts konnten wir sehr bald die tatsächlichen Urheber dieses soweit gelungenen Fakes ausfindig machen. (Die natürlich seitens der NGBK sofort ausgeschlossen wurden.)
Wir fanden das Konzept jedoch äußerst interessant und in der Tat des Labels Vertrauen durch Sicherheit würdig. Nur hatten diese mutierten Yes- bzw. Maybe- oder even No-Men von morgen den Spaß an ihrem Verwirrspiel jetzt verloren. Sie selbst hätten sich erst nach dem Sieg bei der Ausschreibung feixend zu erkennen gegeben. Dazu kam es nicht. Und auch heute und hier möchten die begnadeten Kunstfälscher nicht genannt werden.

Schade…

Wir hätten ihnen den Zuschlag damals ohne Umschweife erteilt. Zunächst einmal für die für tiefgründige und originäre Intervention an diesem Kreuzungspunkt der Flüchtigkeit. Dann aber vor allem auch für die nach unseren Maßstäben hervorragende Assimilado .

Damit es nicht ganz ungehört verhallt, hier das Exposé, wie es am 23. März 2007 bei der NGBK in Berlin eingereicht worden war:

U2 ALEXANDERPLATZ

LETZTE WORTE

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reproducts 2007

KONZEPT:
Aus dem reproducts-Archiv haben wir für die Gestaltung der 32 Plakatwände des U Bahnhofes Alexanderplatz Postkarten mit Urlaubsgrüßen und Mitteilungen aus¬gewählt, die wir als Memento mori lesen. Karten, die aufgrund ihres Inhaltes oder ihrer Randinformationen – Ort und Zeit oder spezifische Angaben im Text – den Charakter von letzten Worten entwickeln: „ …Weihnachten nur am Strand liegen! Herrlich hier in Phuket …“, datiert auf den 25. Dezember 2004 (Tsunami); „… wir nehmen morgen den 5.47h ab MUC und sind mittags in HH. Freuen uns schon sehr …“, datiert auf den 2. Juni 1998 (ICE-Unglück bei Eschede); „… der letzte Schnee ist weg, morgen schneide ich die Obstbäume aus. Der Frühling kann kommen!“
Die Plakatwände präsentieren eine faksimilierte Abbildung des Archivblatts, auf dem sich die jeweilige Karte mit Vorder- und Rückseite befindet. Die Blätter sind nummeriert, tragen Anmerkungen zu Ort und Zeitpunkt des Unglückssituation und zeigen den meist handschriftlichen Text in einem aufgeklebten Zettel zur besseren Lesbarkeit maschinengeschrieben. Der Zettel verdeckt außerdem das Adressfeld, um die Persönlichkeitsrechte zu wahren.

Insgesamt 32 verschiedene Postkarten sind auf diese Weise mehr oder weniger explizit mit Einzel- oder Massenkatastrophen verknüpft.

Die Postkarten als Ausdruck scheinbar ewig währender Gegenwart oder als Projektion zukünftiger Ereignisse entsprechen strukturell der Situation in dem Transferraum U-Bahnhof. Das Gerichtetsein auf ein neues räumliches Ziel, die abgebremste Dynamik der Bewegung durch das Wartenmüssen auf ein Transportmittel, die Dehnung der abzuwartenden Zeit, erfahren durch die Betrachtung der Postkarten-Faksimiles eine andere Qualität: die des Innehaltens im Voran-Denken – des Memento mori.

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Allerdings müssen wir feststellen, dass wir das Einfügen des Archivblatt-Scans in das Realfoto wirklich ein bisschen besser hingekriegt hätten