06.06.2008

Selbstschuld

Ein Horrortrip zu den Charity-Shows der 90er

Fernsehmuseum: Show, Benefiz-Aktion

perfectday

Das erste Gesetz der Massenmedien lautet: Gute Nachrichten sind keine Nachrichten. Dieses eherne Gebot gilt allzumal für Fernsehshows. Dennoch gab und gibt es immer wieder Versuche, dem Guten eine Bühne zu bieten. Das reproducts Fernsehmuseum nimmt in seiner Emanation als Soziale Plastik zwei besonders gut abgelagerte Exemplare dieser Spezies unter die Lupe.

1993 schickte ein großer deutscher Familiensender die ewige Gutmenschin Carolin Reiber an die raue Front der TV-Wirklichkeit, um netten Hausmeistern, lieben Omis und freundlichen Autofahrern mit einem bieder-überheblichen Alle Achtung! ein Denkmal in 625 Zeilen zu meißeln. Aber Sensationslust, Schadenfreude und selbst noch gähnende Langeweile wie bei „Wetten dass...“ enthalten mehr emotionalen Lockstoff als diese pure Nettigkeit. Dies wird das Fernsehmuseum live unter Beweis stellen, wenn Teilnehmer, die diesen Umstand genauso betrauern wie wir, ebenso in mentale Totenstarre verfallen wie wir. Das ist sehr demütigend und traurig, wenn man sieht, wie hündisch-pawlowsch das eigene Gehirn dann doch funktioniert!

Es war also nur eine Frage der Zeit, dass sich Endemol des unauflöslichen Widerspruches zwischen gemeiner Lust und guter Unterhaltung annahm. Ergebnis dieser brutalstmöglichen Forschung war im Jahre 1998 Perfect Day. Unschuldig in Not geratene Menschen – zufälligerweise nur Frauen – sitzen auf Schuldenbergen, die höher sind als jede Schamgrenze. RTL-Frühstücksbrötchen und Spendenmarathonist Wolfram Kons geht für sie mit dem Klingelbeutel um und versteigert allerlei aufregende Dinge wie ein Konzert mit Blümchen oder einen von Jenny Elvers (damals noch ohne -Elbertzhagen) gefahrenen New Beetle (damals gerade neu). Am Ende der Show ist das Geld selbstverständlich zusammen und drei von Freund Hein oder anderen Papagallos um ihren Besitz gebrachte alleinerziehende Mütter sitzen weinend in der Kulisse „weil sie morgen ohne Schulden aufwachen werden.“ Jahre später fragen wir uns jetzt, wie man danach einschlafen soll! Aber zum Glück gibt es ja am Tresen hochprozentige Einschlafhilfen - halleluja!