Schattenreise

Reisekonzept, Theater-Performance, 2016

reproducts, der verlässliche Ruhepol im rasenden Stillstand der reisenden Massen, widmet sich im Kostüm des Reisebüros »Konzept-Reisen« ungewöhnlichen Reise-Angeboten und stellt diese einem interessierten Publikum vor.

September 2015. Acht Teilnehmer haben sich zu meinem Seminar „Schamanische Schattenarbeit im Fuhlbachtal“ angemeldet. 2 Tage werden wir uns unseren eigenen Ängsten und Schatten stellen, mit ihnen konfrontiert werden, sie sogar berühren, annehmen, akzeptieren, sie betrachten und schlussendlich auflösen.

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15 Uhr. Nach und nach treffen die ersten auf dem Parkplatz ein, wo wir uns verabredet haben. Leider kommen die letzten fast eine Stunde zu spät. Ich bin ziemlich geladen, lasse mir aber nichts anmerken.

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Die meisten der neuen Gruppe scheinen ziemliche Schicki-Mickis zu sein, stellen sich aber als überwiegend nett heraus.

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Allerdings haben sie ziemlich viele Klamotten mitgebracht. Na, ich muß das ganze ja nicht den Berg hinaufschleppen.
Schließlich schultert jeder sein Gepäck und unsere kleine Gruppe setzt sich in Bewegung.
Es sind mehrere Pärchen und Singles.

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Jan und Maike
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Ocean und Alexander
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Fabrizia und Konrad

Der einzige aus der Gruppe, den ich schon kenne, ist Coyote aus dem Projekt-V-Forum. Er hat seine Arbeitskollegin Insa mitgebracht.

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Coyote
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Coyote und Insa

Coyote kenne ich aus einem Seminar von vor einem Jahr. Er hat mich schon damals ziemlich genervt mit seiner altväterlichen, besserwisserischen Art.

Nach 2 Stunden schweißtreibendem Anstieg erreichen wir dann die Hütte. Wilfried hat sie mir freundlicherweise wieder für zwei Wochen überlassen. Sogar umsonst.

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Anfangs sind Florian und Ulrike super drauf und freuen sich über die schöne Umgebung. Das hält aber leider nur solange an, bis Flo entdeckt, dass er seine Hüttenschuhe vergessen hat.

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Ab da kommt seine weinerlich greinende Art zum Vorschein:“Ich hab' so kalte Füsse! Gibst Du mir Deine Socken?!“

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Nachdem sich jeder sein Lager gebaut hat, verteile ich die Aufgaben. Aber Holz zu machen scheint für viele gar nicht so einfach zu sein.

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Schließlich schaffen wir es doch noch, Feuer zu entfachen und bald ist es hier behaglich warm.

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Am Abend nach dem Essen (Spaghetti mit Soße) sitzen wir noch eine Weile zusammen und erzählen uns gegenseitig von unseren Erfahrungen mit unseren Ängsten.

Insa erzählt uns, warum sie hier ist:“ Seit Wochen hab ich ein riesiges Problem mit mir selbst und mit meiner Eifersucht in unserer Beziehung. Ich habe einige vertraute Menschen um Hilfe gebeten, und einer hat gesagt, er würde ein weibliches Wesen hinter mir sehen. Ein anderer hat gesagt, daß er mit dem Didgeridoo am See gewesen wäre und für mich reisen wollte, aber die Geister hätten augenblicklich Regen geschickt, und er musste abbrechen. Deutlicher konnten es die Geister nun wirklich nicht sagen: Ich soll also anscheinend selbst reisen. Deshalb bin ich hier bei Euch.“

Alle zusammen begrüßen wir Insa und freuen uns gemeinsam.

Dann berichtet uns Ocean von ihren Schwierigkeiten mit dem Visualisieren: “Ist sonst auch wirklich alles gut gelaufen, aber eines kriege ich trotzdem nicht richtig hin! Ich kann mir zum Beispiel einen riesigen Baum mit allem drum und dran vorstellen. Jetzt soll ich mich umdrehn und ich sehe... nichts! Nur Schwarz! Ich höre die Vögel, rieche den gefallenen Regen, aber Sehen? Nix!“

Natürlich weiß Coyote sofort seinen Senf dazu zu geben:“ Ich verliere ab und zu auch das Bild, aber das ist nicht weiter schlimm. Du kannst es auch einfach so fühlen wie du es beschrieben hast.
Denn weißt Du was? Das ist Dein gutes Recht!
Ich habe meistens ganz tolle geistige Bilder, aber dafür fehlen mir Geräusche und Gerüche. Wenn ich mich manchmal mit einem Geist berate, dann verliere ich auch ab und zu das Bild und sehe nur schwarz, aber das ist nicht weiter schlimm.“

Ich halte mich zurück und täusche Müdigkeit vor. Dann ziehe ich mich in meine Ecke zurück. Der Rest der Gruppe folgt bald meinem Beispiel. Es wird eine unruhige Nacht.

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Am nächsten Morgen bin ich schon lange vor den anderen hoch und mache Frühstück. Als erstes erscheint Martin und will mir helfen.

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Er kommt mir wie gerufen. Die letzten Gäste hier haben vergessen, den Kloeimer auszuleeren. Ich bitte Martin, den Inhalt etwas weiter oben in die dafür vorgesehene Kuhle zu schütten.

Kaum ist der Rest der Gruppe auf den Beinen, da spürt Coyote auch schon, dass er wieder Publikum hat. Er macht sich nach und nach an alle ran und gibt auf blödeste Art seine Weisheiten zum Besten.

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Zum Glück merken die anderen recht schnell, was mit ihm los ist und halten Abstand. Das schmeckt Coyote zwar nicht besonders, aber ich glaube, daran hat er sich mittlerweile gewöhnt.

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Nach dem Frühstück führe ich die Gruppe in ein etwas düsteres Tal, das ich irgendwann vor einem Jahr das „Tal des Werdens und Seins und Vergehens“ getauft habe, ein wunderschöner Kraftplatz.

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Dort lasse ich sie zunächst die verschiedenen Energien spüren.
Später schicke sie zu einer Baum-Meditation.

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Ich finde in der Zwischenzeit einerseits einen Baumschwamm, der auf einem abgestorbenen Baumstamm gewachsen ist, und den ich symbolisch für das WERDEN nehme, andererseits eine tote Krähe, deren Federn symbolisch für das VERGEHEN mitgenommen werden- ein paar dieser Krähenfedern sollen später in Traumfänger eingearbeitet werden.

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Auf dem Rückweg werde ich Zeuge eines interessanten Gesprächs zwischen Ulrike und Maren:
Ulrike:„ Manchmal scheint es so unmöglich, über diese eigenen Schatten zu springen, dass man sie am liebsten schlummern lässt. Man wird nur sehr ungern an sie erinnert.“

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Maren:“Aber man sollte dabei nicht vergessen, dass sie nicht „weg“ sind. Sie lauern nur und warten. Bis dann der Tag kommt, an dem sie mit voller Wucht zuschlagen. Denn sie wollen gesehen werden.“
Ulrike:“Ja. Aber sie meinen es ja nicht böse. Sie helfen Dir im Prinzip nur, ans Licht zu finden.“
Beide:“...Und was wäre die Sonne, wenn es keinen Schatten gäbe?“
Beide lachen. Ich glaube, die beiden haben wirklich was begriffen.

Als wir wieder an der Hütte ankommen, um zu Mittag zu essen, erwartet uns eine böse Überraschung. Wilfried hat die Hütte aus Versehen doppelt belegt. Mit ein paar totalen Hackfressen, die sich dort schon breitgemacht haben.

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Als diese Dauergrinser sich später auch noch anschicken, beim Essen in der Küche in ihrer Unterwäsche rumzuhängen, wird es Zeit, meine Geheimwaffe einzusetzen.

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Mit ein bisschen psychologischem Geschick lasse ich Coyote auf die Eindringlinge los. Innerhalb kürzester Zeit textet er jeden einzelnen dermaßen zu mit irgendwelchem Zeug, sodass der Feind schließlich den Rückzug antritt: „Ciao, wir müssen dann mal runter ins Tal, noch den letzten Zug kriegen.“

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Leider bleiben uns ausgerechnet die zwei unangenehmsten der Typen erhalten: die beiden Spanner.

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Als wir nämlich nachmittags auf der Wiese vor dem Haus liegen, die anderen weben Traumfänger und ich trommle für sie, sehe ich durchs Fenster diese Vollidioten die ganze Zeit feixen.

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Mit dem Traumfänger klappt es auch bei Coyote wunderbar, im Gegensatz zu damals in Ruhpolding, wo er zu fest an den Fäden zog und deshalb sein Holz oval verbog….
Sein Traumfänger ist diesmal wirklich wunderschön geworden und wir hatten auch genügend Zeit, ihn hinterher noch mit Salbei zu räuchern.

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Seine Arbeitskollegin Insa macht ihren Traumfänger auch wunderschön, und gleichzeitig webe ich ihr einen Spiral-Traumfänger, der für Anfänger etwas schwierig zu machen ist, und gebe ihr diesen auch noch mit.

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Später beim Paar-Wasserritual werden die beiden Spanner sogar noch aufdringlicher. Obwohl es sich wirklich um eine sehr intime Sache handelt,

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haben sich die Vollidioten angeschlichen und ihre Fotoausrüstung herausgeholt.

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Aber Sven und Juliane lassen sich überhaupt nicht beirren und führen ihre Reise in das Wesen des Wassers fort.

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Zum Glück klingelt bei einem von den beiden Typen kurz darauf das Handy und sie zwitschern ab. Wahrscheinlich wartet ihre Mutter mit dem Essen.
Bei uns jedenfalls gibt es Gemüsesuppe mit Griesnocken zum Abend.

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Dann ist wieder Abmarsch- um 22.00 Uhr nachts marschieren wir los. Es wird sehr schnell dunkel und man sieht die Hand vor Augen nicht.
Alle Teilnehmer werden dazu angehalten, kein Wort mehr zu reden, und im Abstand von etwa 20 Metern nacheinander (in Zweiergruppen) den Wald zu betreten- und sich dann einen Platz im Tal zu suchen.
Jeweils einer aus der Zweiergruppe macht eine Geistreise zu seinen Ängsten und Schatten, der andere rasselt für ihn. Nach und nach verschwinden die Teilnehmer im Wald- ohne Taschenlampe, nur mit einer Isomatte „bewaffnet“. Man hört hie und da Schritte, und nach wenigen Minuten ist es still im Wald. Ich mache mich auf den Weg zurück zur Hütte.
Erst viele Stunden später sind die ersten zurück und wecken mich mit ihrem Gepolter.

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Am nächsten Morgen sind dann einige ziemlich sauer wegen gestern.

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Erst recht, als sie Uschis Bericht über ihre nächtliche Geistreise hören. So etwas intensives hätten sie auch gern erlebt.
Originalton Uschi:„ Jetzt habe ich die Antwort auf meine Fragen zu meinen derzeitigen Problemen: Ich muss loslassen können. Ich muss den Regenbogenkindern die Freiheit schenken, und wir können uns nur dann spiegeln, wenn wir nicht aneinander klammern. Intuitiv bitte ich die Meeresgöttin um Zerstückelung. Ich liege am Boden, auf meiner Thermarestmatte, breite die Arme aus und warte was kommt. Die Rassel-Musik wird lauter. Ich sehe mich, wie ich an Land gespült werde. Ein lebloser Körper, an dem die Fische nagen. Haifische reissen Fetzen aus meinem Fleisch.Kleine Fische knabbern an mir. Krebse kommen.Ich spüre die Bewegung der Wellen.Werde leicht nach vorne und nach hinten geschwemmt.Und wieder nach vorne. Und wieder nach hinten. Mit den Wellen kommen viele kleine Fische die an mir fressen. Eine Krake kommt, ein Manta- Rochen. Wieder reisst ein Hai ein großes Stück Fleisch aus meiner Seite. Möven fressen den Rest, und schließlich kommt mein Krafttier und pickt das restliche Fleisch von meinem Körper.“

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Die meisten aus der Gruppe verstecken ihren Neid sehr gekonnt, aber die Stimmung ist irgendwie vergiftet.

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Wir frühstücken stumm, es werden noch ein paar belanglose Phrasen ausgetauscht,

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dann packen alle zusammen und steigen ab zum Parkplatz.

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Da ich morgen schon wieder neue Besucher habe, die eine Schattenreise machen wollen, werd ich jetzt noch aufräumen und putzen und mich dann darauf vorbereiten. Ich bin schon gespannt, wer diesmal dabei sein wird.

Wir werden sehen.