Artenvielfalt

2008/2016
Film-Drehbuch
Do-It-Yourself-Projekt


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Dies ist das erste einer Reihe von DIY-Projekten von reproducts.
Reproducts stellt eine Idee zur Verfügung. In diesem Fall ein Drehbuch.
Interessierte dürfen diese Idee umsetzen.
Die Idee darf dabei interpretiert, aber nicht wesentlich verändert werden.
Das Produkt wird dann in Absprache mit dem Realisateur unter dem reproducts-Label veröffentlicht.
reproducts freut sich bereits auf die Resultate!


FILMTITEL

TEXTTAFEL:
„Die Welt ist so, wie sie ist. Ich habe das Beste aus ihr herausgeholt. Und sie hat es so gewollt.“
Titus A. Drescher

AUFBLENDE

Titelmelodie.
Dumpfe Trommeln stimulieren unseren Unterleib. Verhallte Synthie-Streicher dringen in unseren Gehörgang. Wir geraten in einen Strudel freudiger Erwartung.
Wir sehen Flugaufnahmen von Ozeanen, Savannen, Tundren und Regenwäldern. Sie bilden den Hintergrund für eine Schattenriss-Metamorphose: Wir werden Zeuge, wie aus einem Wasserfloh ein Frosch wird, daraus ein Fisch, eine Echse, ein Biber, ein Wolf, ein Huhn, ein Pferd, ein Affe, ein Mensch, ein Tierfilmer. Der Tierfilmer hebt eine Kamera an sein Auge. Aus dem Objektiv purzelt ein Wasserfloh. Der Mensch wird samt Kamera in den Wasserfloh gesogen. Das Bild zoomt ins Innere des zuckenden Flohs.
Überblendung

„Afrika, der Schwarze Kontinent.“
Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, trägt ein grünes Polo-Hemd und schaut direkt in die Kamera.
Kurzer Zwischenschnitt auf das Lacoste-Krokodil auf seiner Brust.
Er steht vor einer mit ein paar Stechpalmen spärlich dekorierten Raumecke. Vermutlich handelt es sich dabei um ein Gewächshaus in einer mitteldeutschen Kleinstadt. Neben ihm steht stumm eine ältere Frau, vermutlich seine Ehefrau. Sie schaut nach oben in die Ferne.
Titus A. Drescher setzt erneut an:
„Afrika, der unermessliche Schwarze Kontinent.
Zauber und Abenteuer, Verheißung und Gefahr, Segen und Fluch.
Aber auch Armut, Krankheit, Krieg.“
Im Hintergrund fällt polternd eine Pergola um.
Die Ehefrau dreht sich erschrocken um.
Schnitt.

„Ngorongoro-See, Tansania.
Die Nacht ist voller Schrecken gewesen. Noch immer klingt es nach, das Gebrüll der Löwen, das Gekicher der Hyänen und der Donner der in Panik fliehenden Herden.
Ich trete vor das Zelt und bereite die Kamera vor. Noch schlafen alle im Lager. Über dem Natronsee kreist ein junger, noch unerfahrener Kampfadler im ersten Licht des Tages. Sein Blick streicht über die hunderttausenden von Flamingos, die sich im Salzwasser versammelt haben. Warum, so scheint sich der gefiederte Jüngling zu fragen, sind diese rosa Schönheiten der Vogelwelt nicht aschgrau oder tarnfarben, und versuchen, sich so meinem Blick zu entziehen? Ist ihre Schönheit nicht geradezu eine Form von Selbstmord? Eine Aufforderung, genau das zu tun, weshalb ich auf dieser Welt bin? Aber Hunger denkt nicht. Voller Entschlossenheit gehe ich in den Sturzflug, mein Ziel fest im Blick. Elegant bremse ich den Aufprall ab und grabe meine Krallen tief in das fremde Federkleid. In diesem Moment packen mich alle der ringsherum stehenden rosa Stelzenläufer mit ihren Schnäbeln. Am Gefieder, am Schwanz, am Hals, überall, und zerren mich in Gemeinschaftsaktion in die ätzende Salzlauge hinein.
Und. Das. Ist. Mein. Tod.“
Abblende.

Aufblende.
Wir sehen ein mit Filzstift gezeichnetes und per Stopptrick animiertes Porträt von Jean Rouch, dem legendären Dokumentarfilmer.

rouch

JEAN ROUCH:
…ja, ich nenne es Cinetrance. Beim Filmen wird der Filmende zu einem Besessenen. Er ist nicht mehr er selbst, einfach nicht mehr derselbe. Er sieht nicht mehr mit seinen eigenen Augen, hört nicht mehr mit seinen eigenen Ohren. Alle seine Sinne sind vom Medium infiziert.
Man kann sagen, dass der Geist des Filmapparats von ihm Besitz ergriffen hat.

Das Karopapier wird von einer menschlichen Hand zerknüllt. Schnitt.
Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, steht in Badehose vor einem kleinen Wasserfall. Schrifteinblendung unten: „Aqua Tropicana“, Damp 2000/Schleswig-Holstein.
Neben ihm steht seine Ehefrau in einem blaugeblümten Badeanzug. Man hört den Lärm einer Schulklasse im Schwimmbecken.
„Als ich in den Dschungel ging und kam wieder raus nach einem Jahr, da war ich nicht mehr derselbe.“
„Da war er nicht mehr er selbst,“ nickt seine Frau zustimmend.
„Die Hitze, die Trommeln, die Moskitos.“
Die Kamera zoomt auf sein Gesicht, schmerzverzerrt.
„Grüne Hölle, diese grüne Hölle!“
Seine Frau hüstelt.
„Maden, Käfer und- und … Spinnen!“
Es schüttelt ihn.
„Doch am grässlichsten – der Mensch!“
Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, richtet sich mit einem Ruck wieder auf.
„Eine Hand voll Zelluloid. Und ich war nicht mehr derselbe. Lasst mich! Lasst mich!“
Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, läuft an den Beckenrand und springt. Die Kamera springt nach kurzem Zögern hinterher.

Kurze Montage.
Wir sehen unter Wasser Luftblasen und die Körper von Schwimmern und Badenden, unterschnitten mit Aufnahmen von umherwabernden Einzellern. Mit dramatischen Musik-Akzenten versehen werden die Namen der einschlägigsten Tropenkrankheiten eingeblendet:

Amöbenruhr
Dengue-Fiebe
Cholera
Elefantiasis
Leishmaniose
Lepra
Malaria
Gelbfieber
Hakenwurmbefall
Trypanosomiasis
Flussblindheit
Bilharziose

Die Kamera nähert sich aufdringlich den Beinen eines Schwimmers.
Einsatz bedrohlicher Musik.
Der Fuß des Schwimmers trifft die Kamera und das Bild wird schwarz.

Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, schwebt in einer gläsernen Taucherglocke sitzend vor einer riesigen Bluescreen-Fernsehstudiowand. Er kommentiert aus dem Stegreif die wechselnden Filmszenen, die hinter ihm in das Blau gestanzt sind.

EIN WILDBACH IN ALASKA, IN DEM LACHSE AUFSTEIGEN.
„Die Liebesspiele am Laichplatz wirkten burlesk wie das bacchantische Treiben seniler Faune. “

EIN KORALLENRIFF.
„Der Clownfisch, dieses drollige Tierchen, flüchtet bei Gefahr in die alles verdauende Magenhöhle seiner Freundin, der schlangenhaarigen Anemone, ja verbringt sogar jede Nacht in diesem Verdauungsorkus, dem absonderlichsten Bett, das Mutter Natur ihren Geschöpfen bieten kann.“

ÜBER EINEM GEIERHORST IN ABYSSINIEN.
„Futtersozialismus kann bei höheren Tieren allenfalls unter Fleischfressern entstehen, nie aber bei Vegetariern.“

INMITTEN EINES HEUSCHRECKENSCHWARMS.
„So beschleunigt das Leben in einer Orgie ohnegleichen seinen eigenen Untergang.“

Aufblende.
Wir sehen ein mit Filzstift gezeichnetes und per Stopptrick animiertes Porträt von Humberto Maturana, dem chilenischen Biologen und Philosophen.

maturana

HUMBERTO MATURANA:
„…ich würde sagen, als lebende Systeme existieren wir in vollständiger Einsamkeit innerhalb der Grenzen unserer individuellen Autopoiëse. Nur dadurch, dass wir mit anderen durch konsensuelle Bereiche Welten schaffen, schaffen wir uns eine Existenz, die diese unsere fundamentale Einsamkeit übersteigt, ohne sie jedoch aufheben zu können. [...] Wir können uns nicht sehen, wenn wir uns nicht in unseren Interaktionen mit anderen sehen lernen und dadurch, dass wir die anderen als Spiegelungen unserer selbst sehen, auch uns selbst als Spiegelung des anderen sehen.“
Schnitt.

Zustimmendes Nicken. Die notdürftig mit einer menschlichen Haut bespannten Drahtgittermodelle von Bernhard Grzimek, Heinz Sielmann, Konrad Lorenz, Hans Hass und Horst Stern sitzen zusammen an ihrem Stammtisch. Die Verhaltensforscher verhalten sich gegenüber dem weiblichen Tresenpersonal allerdings ungebührlich wie immer. Hin und wieder, wenn einer der fünf versonnen an seinem Hefeweizen nippt, können wir, vergrößert durch den Bierglasboden, für einen Sekundenbruchteil in das Innere des Tierfilmers sehen, das aus einer roten zuckenden Masse von Millionen von Einzellern zu bestehen scheint.

Niemand der fünf Tierfilmersysteme spricht, jeder geht seiner eigenen Verrichtung nach. Grzimek hantiert unter dem Tisch mit einem aufblasbaren Spitzmaul-Nashorn. Sielmann präpariert nebenbei einen Baumstamm, in dem gerade ein Buntspecht brütet. Lorenz stopft den Hals seiner Gans sorgfältig mit salzigen Erdnüssen und Horst Stern lässt sich immer wieder von einer großen, schwarzen Spinne in den Handballen beißen. Hans Hass filmt das ganze unbemerkt mit seiner berühmten Spezial-90-Grad-Um-Die-Ecke-Seh–Kamera Marke Eigenbau.

Voice-Over von Titus A. Drescher, dem Tierfilmer, 103, in agitatorischem Ton:
„Dies ist echtes Cinema Verité. Authentizität pur sozusagen, mit einem guten Schuss Anthropomorphismus versehen, Ihnen, der Zuschauer, wegen. Die Vermenschlichung der Tierwelt hat nämlich mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen und die Nachfrage wächst stetig, dank Ihnen.
In den Anfängen des Tierfilms mag wohl noch der Geist des Abenteuers vorgeherrscht haben, das Bild des sich den Widrigkeiten der Wildnis aussetzenden Naturfilmers, dem es trotz unsäglicher Entbehrungen gelingt, den Ödnissen dieser Welt fette Bildbeute zu entreißen. Trophäen, die er in die Höhle seiner Artgenossen schleppte, um sie dort an die Wand zu werfen.
Aber das, liebes Publikum, genügt Ihnen anscheinend schon lange nicht mehr. Heutzutage müssen völlig unzusammenhängende Schnipsel aus irgendwelchen Bildarchiven zu Tierfamilien-Seifenopern zusammengeschustert werden, um Ihnen, liebes Publikum, Identifikationsmuster zur liefern oder eine Familienaufstellung zu ersetzen. Ein Haifischbecken als Selbstbedienungsladen – das ist die Realität heute!

Zeitraffer:
Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, sitzt irgendwo auf einer weiten Ebene. Die Sonne brennt. Titus A. Drescher wartet auf irgendetwas. Sein Auge ruht auf dem Kamera-Okular. Er wartet auf etwas, mit dem er sich durch sein Objektiv verbinden kann. Etwas, das ihn für immer verändern wird. Er sitzt schon sehr lange so. Stunden vergehen, Tage, Wochen. Nichts um ihn bewegt sich. Nur das Flirren über der Ebene. Und die Hitze, die in der Ferne Staubteufel tanzen lässt. Aus dem Küchenfenster dringt die Stimme seiner Frau, die ihn zum Essen ruft. Mit geübten Handgriffen verstaut er sein Kamera-Equipment wieder in den schweren Metallkisten und macht sich anschließend auf den Weg ins Haus, das keine 15 Meter hinter ihm in der brütenden Savanne steht, wie wir erst jetzt durch einen plötzlichen Kameraschwenk erfahren.

Voice-Over Kommentator:
„Vor uns sehen wir Titus A. Drescher, den Tierfilmer, 103, der auf allen vieren in seinem Vorgarten kniet. Auf seinem Rücken hat er einen aufgespannten Regenschirm befestigt. Allem Anschein nach imitiert er eine Galapagos-Riesenschildkröte. Mit seinen verhornten Lippen reißt er momentan kleine Grasbüschel aus dem Rasen.
Jetzt landet direkt neben ihm ein Schwarm von Darwinfinken.
Blitzschnell, wie wir es ihm gar nicht zugetraut hätten, richtet sich der Sechszentnerkoloss mit den Vorderbeinen auf und streckt seinen Kopf weit in den Nacken. Das könnte zweierlei bedeuten: a) eine Drohgebärde gegenüber einem sich nähernden Artgenossen, oder aber, hier wahrscheinlicher, b) eine Aufforderung gegenüber der Finkenschar. Ja, da stürmen sie auch schon überfallartig auf alle nichtgepanzerten Körperteile dieses großen Reptils, auf Hals, Kopf, Beine, Schwanz und After, vor allem aber auf die tiefen Hautfalten des Leibes. Überall hebt nun ein Picken und Hacken an. Die Finken befreien ihren massigen Freund von Hunderten von Zecken, die sich an seinem Körper voll Blut saugen.
Jetzt sind alle Vögel wieder fort, und der kosmetisch gepflegte Riese wartet noch eine Minute in Standbildstarre, ehe er wieder langsam seine normale Haltung einnimmt und mit dem Fressen fortfährt.“

WAMERU, 12. August 1977.
Dr. Reza Talaki, ein enger Mitarbeiter von Jane Goodall, macht am Abend folgende Beobachtung und kann sie sogar auf Film festhalten:
Je ein Trupp von Schimpansen und Pavianen lagern gemeinsam am Rande einer Urwaldlichtung. Es sieht aus wie eine paradiesische Verbrüderungsszene. Alle liegen im Gras, vollgefressen mit saftigen Früchten. Die Jungen beider Arten spielen ausgelassen miteinander, während die Mütter wohlwollend nicken. Plötzlich zerreißen gellende Schreie die Abendluft. Ein großer weißer männlicher am ganzen Körper mit Affenhaaren beklebter heterosexueller Mensch, nämlich Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, im Weiteren der Beschuldigte genannt, packt ein Paviankind, das soeben noch mit gleichaltrigen Schimpansen unschuldig spielend umhertollte, springt mit dem Affenkind in den Schutz seiner Schimpansenbande, und dreht dort dem herzzerreißend kreischenden Fellbündel mit beiden Händen den Hals um. Sofort sind fünf weitere Schimpansen zur Stelle und zerreißen den Leichnam in mehrere Stücke, um sich darüber herzumachen und das Fleisch mit sichtlichem Genuß zu verspeisen. Auch Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, lässt es sich schmecken, bis er sich plötzlich Dr. Reza Talakis Kamera gegenüber sieht.
Standbild.
Schnitt.

Wir sehen ein mit Filzstift gezeichnetes und per Stopptrick animiertes Porträt von Kurt Ludewig, Dr. phil. und Dipl.-Psychologe.

ludewig

Kurt Ludewig:

„Lassen Sie mich an dieser Stelle bitte Folgendes anfügen: Aus dem biologischen Ansatz von Maturana folgt, dass Individuen soziale Systeme bilden, weil sie aufgrund ihrer biologischen Struktur dazu bestimmt sind. Alle Eigenphänomene sozialer Systeme ergeben sich aus der strukturellen Kopplung, der Konsensualisierung von Individuen. So erzeugen diese allmählich eine rekurrente Vernetzung, die den Verhaltensrahmen eines bestimmten sozialen Systems festlegt. Alles Soziale beruht darauf, dass die beteiligten Organismen ihre Ontogenese stets als Ko-Ontogenese verwirklichen. Individuen gehören nur solange einem sozialen System an, wie sie an der reziproken Strukturkoppelung teilnehmen und das relationale Gefüge mittragen.“
Schnitt.

Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, hat sich als Werbegag demonstrativ auf einem Berggipfel angekettet. Ob um seine Unschuld zu beweisen oder einfach nur zum Sterben – man weiß es nicht. Er hat drei Transparente entrollt, auf denen die Schlagworte stehen:

Futtersozialismus

Sterbedrüse

Gebärdenlüge

Die Transparente flattern desolat im Wind und übermitteln gebetsfahnenartig ihre Botschaften an ferne und treue Zuschauer.

Über dem alten Narren, Titus A. Drescher, der Tierfilmer, 103, kreist ein junger, aber nicht mehr ganz unerfahrener Kampfadler.

ABBLENDE

ENDE