Brötchentütendesignkritik

Ton/Bild-Serie für Multimedia-Performance

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Das Frühstück heute im Kurhotel noch schlimmer als die letzten Tage:
komplett ungenießbar, selbst der Kaffee angebrannt.
Deshalb schnell auf ein Brötchen zum nächsten „Bäcker“, vor meiner ersten Anwendung heute.

Im Bäckerladen natürlich das nächste Desaster: die Brötchen zwar einigermaßen o.k., aber als ich dann die Tüte sehe, ist ein für alle Male Schluss. Ich atme dreimal langsam ein und noch langsamer wieder aus, um in meinen Dozenten-Modus zu wechseln. So wie in meinen Vorlesungen an der Creative School of Excellence in Wuppertal. Extreme Ereignisse fordern extreme Maßnahmen. Sich aufregen und pöbeln bringt hier nichts, diesen Leuten muss mal jemand von Grund auf erklären, wie der Hase läuft!

„Meine liebe Brötchen-Fee“, hebe ich also an, um durch ihre Sympathie auch ihr offenes Ohr zu gewinnen, „seien Sie doch so gut und leiten Sie das Folgende – und zwar gern im exakten Wortlaut, weshalb ich vorschlagen würde, dass Sie alles mitschreiben – am Besten auf eine der vor Ihnen liegenden Brötchentüten – hier haben Sie einen Kuli – an Ihren mehlköpfigen Chef weiter:

Also!
Sehr geehrter Herr Bäcker Arndt! Sie mögen ja die nötige Phantasie besitzen, um einen amorphen Teigklumpen zu etwas durchaus Brötchenhaftem formen zu können. Leider muss ich jedoch feststellen, dass damit auch schon Ihr Horizont von Ästhetik und Gestaltung sein Ende hat. Denn wie sonst können Sie es zulassen, dass Ihre – zugegebenermaßen schmackhaft aussehenden – Brötchen in Tüten versenkt werden, die den Odem von weltumspannender Dummheit und Verfall atmen?! Ich würde sogar sagen…“

„Dauert das noch länger mit Ihnen?“ höre ich eine alte Dame aus der Schlange hinter mir unbedarft fragen.
„Ja, gnädige Frau“, erwidere ich, „das wird wohl die Zeit brauchen, die es braucht. Und wenn Sie sich entschließen sollten, mich noch einmal zu unterbrechen, dann dauert es wohl so lange, wie Sie es sich nicht wünschen würden. Denn“, fahre ich fort, und richte meine Worte an alle Anwesenden, „das Folgende darf nicht ungesagt bleiben und geht letztlich sie alle etwas an.“

„Ich fahre also fort: Die Brötchentüte.

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Eine Brötchentüte hat die Aufgabe, die frischen Backwaren auf dem Wege zwischen Verkauf und Verzehr vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen sowie ihren Transport zu erleichtern. Die Tüte ist aus Papier, damit die Knusprigkeit der Waren nicht beeinträchtigt wird. Die Tüte kann nach Gebrauch in den Müll geworfen, verbrannt oder zu anderen Zwecken verwendet werden.
Das ist ihr Sinn und Zweck, dazu wird sie hergestellt und benutzt.
Nun aber betrachten Sie einmal die Brötchentüte von unserem hoch geschätzten Bäcker Arndt. Fällt Ihnen etwas auf?“

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Schweigen.

„Sehr richtig. Die Tüte ist von außen bedruckt!
Wozu, wird sich vielleicht mancher jetzt fragen,
wozu lässt man eine Brötchentüte bedrucken?

Ich kann es Ihnen sagen:
Bäcker Arndt vertraut im tiefsten Inneren nicht auf die Qualität seiner Backwaren, ergo in seine Fähigkeiten als Bäcker.
Er glaubt nicht daran, dass die Menschen seine Brötchen essen und sagen: „Das ist ein gutes Brötchen. Bäcker Arndt muss es gebacken haben.“
Nein, Bäcker Arndt geht lieber auf Nummer Sicher.
Er lässt auf die Tüte schreiben: Bäcker Arndt.

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Somit ist unmissverständlich der Schöpfer des Inhalts dieser Tüte für jeden klar ersichtlich: Bäcker Arndt!

Auch die Wahl der Schriftfarbe verrät viel über Arndts Ansinnen. Blau ist die beliebteste der Farben. Sie steht für Vertrauen, Verlässlichkeit, Sicherheit.
Wie sehr muss es wohl einem Menschen an diesen Eigenschaften mangeln, um über die Hintertür der Farbsymbolik sich anbiedernd Eingang in die Herzen der Kunden suchen zu müssen.

Doch damit noch lange nicht genug: Bäcker Arndt lässt zusätzlich sein Konterfei zwischen seine Berufsbezeichnung und seinen Namen setzen, selbstverständlich ebenso blau gefärbt. Was das bedeutet, möchte man sich gar nicht ausmalen.

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Auch die Weise, in der sich der Bäcker von dem uns unbekannten Illustrator darstellen lässt, gibt Aufschluss über die Person Arndt. Sich hinter einer Karikatur seiner selbst versteckend, enthält uns Bäcker Arndt scheinbar seine wahre Persönlichkeit vor.
Aber über die verkrampft lässige Haltung der Figur können wir dennoch auf die biedere Verkniffenheit seines Charakters schließen. Auch die beachtliche Größe seines Nudelholzes, das eine besondere Rolle für ihn zu spielen scheint –warum sonst wäre es orange – lässt auf Vorhandensein der üblichen Komplexe schließen. Farblich findet die phallokratische Krücke ihren Widerhall in einem Halstuch, das dem Träger die Luft sinnbildlich abzuschneiden droht. Nun gewinnt das Blau des Gesichts eine ganz neue Bedeutungsebene.
Ein Wicht im Angesicht des Erstickungstodes durch die eigene vor sich hergetragene Megalomanie – mit anderen Worten: eine durch und durch armselige Kreatur.

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Über dieser Tragödie schwebt in luftiger Höhe eine skeptisch lächelnde Sonnenblume. Ein Zeichen der Selbstironie? Weit gefehlt!

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Das Innere der Blüte ist bereits blau angelaufen – im Verfall begriffen.

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Sie wird flankiert von zwei weiteren Blumen des Bösen und soll wohl mit ihnen zusammen so etwas wie eine unheilige Dreieinigkeit bilden. Dies aber wird konterkariert durch die vom Moment bestimmte Konzeptlosigkeit des „Grafik-Designers“, der sich auf dieser Tüte verewigen durfte. „Mmmmh“, scheint er sich gedacht zu haben, „alle drei in eine Richtung gucken zu lassen ist irgendwie langweilig. Ich dreh’ einfach mal eine um!“

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Meine verehrten Zuhörer, nun frage ich Sie aber: warum befinden sich auf der Tüte überhaupt Sonnenblumen? Oder – sollten es vielleicht gar keine sein, sondern etwas ganz anderes? Treten wir doch mal alle gedanklich ein paar Schritte zurück und schauen uns an, was das große Ganze uns verrät!“ spreche ich zu den hinter mir in der Schlange Stehenden, doch die haben die Gelegenheit gepackt und sich soeben auch physisch aus der Ladentür herausgewunden, so dass ich mich nun gezwungen sehe, meine Aufmerksamkeit wieder der der Brötchen-Fee zuzuwenden, die übrigens immer noch fleißig mitschreibt, um endlich fortzufahren:

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„Unter den drei, wir nennen es mal vorübergehend, Sonnenblumen, öffnet sich in stilisierter Form ein Mund.

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Im Inneren des Mundes befinden sich drei Worte: Brot, Brötchen, Snacks, gedruckt in blau. Der orangenfarbene Mund scheint sich diese drei Worte einzuverleiben.
Die Lippen des Mundes werden durch zwei typographische Bögen dargestellt, die einen zweizeiligen Reim bilden.
Auffällig bei diesem Reim ist, dass es sich beim Versfuß der ersten Zeile um einen Trochäus, fallend also, handelt: Laß es mor - gens rich - tig knack - ken…

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…während der Versfuß der zweiten Zeile ein Jambus, ein Steiger, ist:
dann wirst Du täg - lich la -chen

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Es handelt sich also um einen recht gewagten Rhythmuswechsel, der am Ende der zweiten Zeile noch verwegener in einen unechten Reim mündet:
Knacken – Lachen

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Um es kurz zu machen: hier wird endlich deutlich, was das grundlegende Konzept der Gesamtanordnung aller graphischen und typographischen Elemente auf dieser Brötchentüte ist:
das Lächeln der Blüten oben,
das Lachen des typographisch dargestellten Mundes,
das Grinsen der Bäckerfigur,
und schließlich, ganz deutlich, das Wort Lachen am Ende der ersten Reimzeile – all das sind Vermeidungen oder Verniedlichungen, gleichwohl aber überdeutliche Anspielungen auf das Zusichnehmen und Vonsichgeben, auf das Thema Verdauung:
Knacken – Lachen

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Damit das jedoch an keinem Unterbewusstsein spurlos vorübergeht, wird man überdeutlich:

  • die Farbe blau zieht eine Spur von Bäcker Arndt …
  • über die Brote, Brötchen, Snacks zwischen den reimenden Lippen …
  • zu den über allem schwebenden anusförmigen Blüten …
  • und unter sich in den träge fließenden Strom aus blauen, würsteförmigen Stücken von Verdautem …
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Während die Säule seiner Macht orange in Sonne und Worten lacht – solange „knacken“ zu „lachen“ führt, ganz ohne das böse Wort! Denn das gehört allein an einen Stillen Ort! Sonst geht es ihm an den Kragen – schnipp schnapp – und schon ist er ab – der Kopf von Bäcker Arndt …
Daher ist es ebenso Fazit wie Entschuldigung, was da durch die orange Farbe so unmittelbar auf ihn bezogen von zwei Gedankensstrichen gefasst auf den blauen Würsten dahintreibt – „denn hier schmeckt’s“!

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Verträumt steht Bäcker Arndt an diesem Styx aus dunklen Leibesfrüchten und sinniert vor sich hin.

Denn hier schmeckt’s – ja, wonach denn, Bäcker Arndt, wonach schmeckt es wohl bei ihnen?! Na, wonach wohl?!“, rufe ich, aber da stehe ich schon – wie lange, weiß ich nicht – auf dem Gehsteig vor der Bäckerei und Bäcker Arndt und seine Backwarenfachverkäuferin haben mich aus dem Laden komplimentiert und starren nun kopfschüttelnd zu mir raus. Irgendwann hängen sie schließlich das Mittagspausenschild an die Tür und lassen die Jalousien runter.

Meine Anwendungen für heute werde ich wohl verpassen.
Ich geh' einfach mal zum Schlachter, vielleicht gibt es dort ja Mittagstisch.