10 Jahre Wikipedia-Löschung

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„Ja, Lord Vader, wenn wir alle zusammen daran arbeiten, wird der Todesstern bald fertig sein!“

Was für eine schöne Überraschung, als wir durch einen Informanten von dem zehnjährigen Jubiläum unserer Wikipedia-Löschung erfuhren – also der Löschung aus einem Orbit, in dem wir ohnehin nie anwesend sein wollten – das muss gefeiert werden!

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Aber wie war es überhaupt dazu kommen?
Hier nun die Geschichte von Anfang an – soweit wir sie retrieven konnten:
Uns erscheint es am Plausibelsten, dass es mit unseren diversen Uni-Seminaren an verschiedenen Hochschulen und Medien-Akademien in dieser Zeit zu tun haben muss. Wahrscheinlich hat damals irgend jemand aus der Riege der Studierenden Ende 2006, Anfang 2007 – sicher gutwillig, aber ohne uns vorher zu fragen – gemeint, wir müssten in dem dicken Webschmöker der Wikipedia verewigt werden und den Eintrag »reproducts« verfasst. Der Wikipedia-Sicherheitsdienst ließ da nicht lange auf sich warten, denn bereits am 17. Januar 2007 um 18 Uhr hörte »reproducts« im blinden Spiegelkabinett der tiefer gelegten Liegefahrradfahrer auf zu existieren.
Über diesen Vorgang hätten wir nie etwas erfahren, wäre uns nicht am 17. Januar 2017, also genau 10 Jahre später, der obige Screenshot von einer uns unbekannten und dann sofort toten Mail-Adresse zugeschickt worden.

Wir leiten aus dem Screenshot Folgendes ab:

  1. Es muss vor dem 17. Januar 2007 einen Wikipedia-Eintrag mit dem Titel »reproducts« gegeben haben. Dieser ist uns leider unbekannt und auch nicht im Marjorie-Wiki zu finden.
  2. Den meldet ein gewisser „Zinnmann“, der auch heute noch „Benutzer“ der Wikipedia ist, um 10:58h CET und spricht den Verdacht „werbliche Eigendarstellung“ aus. (In der Tat, ein absoluter Frevel, den es unbedingt auszumerzen gilt. Denn sonst würde ja Tür und Tor geöffnet für eine Flut von Einträgen, sei es von kleinen Kommerzklitschen oder von multinationalen Konzernen. Ja, und die Wikipedia – oder, wie wir das gern nennen: »Sockenpuppe und wie er die Welt sah« – wäre bereits in wenigen Jahren voll davon. Ein Glück, dass es dazu nie gekommen ist!)
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  1. Für „Frank Murmann“ – „Held der Wikipedia“ für die 1000. vektorisierte Datei und Träger der goldenen Mentoren-Plakette – ist der Fall um 11:54h CET absolut klar: „Werbung … löschen“.
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  1. „SVL“ (und zu diesem Benutzer lässt sich leider keine Info mehr auftreiben) macht sich das nicht so leicht. „SVL“ recherchiert, total digital-naiv im Internet und muss aber letztlich seine Unfähigkeit eingestehen, aus den Infos eine Aussage für sich zu synthetisieren. Natürlich in der dritten Person formuliert (alter Geisteswissenschaftler-Trick, um das Statement ein wenig fundierter, scheinbar objektiv erscheinen zu lassen): „was an deren Tätigkeit Kunst sein soll, ist nicht zu erkennen“.
  2. „ThePeter“, Benutzer aus Finnland mit Admin-Rechten und seiner Info-Seite nach „Mitglied der finnischen Admin-Mafia“, tut 18:00h CET schließlich, was getan werden muss, und löscht den Eintrag »reproducts«.
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Für die Löschung sind wir „ThePeter“ ausgesprochen dankbar. Weder wollen noch brauchen wir eine werbliche Eigendarstellung – schließlich verkaufen wir nichts und bewegen uns jenseits jeder Ökonomie. Wir wollen allenfalls Kommunikation. Nicht jedoch mit so phimotischen Smegmalollies, die höchstens mal halbhart werden, wenn sie an dem stark holzhaltigen Papier eines Bundesbahn-Kursbuches aus den 1960ern gerieben werden. Und dass es in dem vorhergehenden Satz dieses Satzes wie auch bei der Wikipedia an sich nur um Männer geht (also, rein genetisch gesehen), die ihre kleinen Blickwinkel auf die Welt zum allumfassenden Referenz-Lexikon erheben wollen, ist schon einer der Gründe, warum das so ein Idiotenzirkel ist, von dem wir nicht eingekreist werden wollen. Eine Pseudo-Abbildung der Welt, die wiederum nur ein großer Fehlgriff im Rahmen des gigantischen Irrtums ist, alles würde gut und richtig und wahr werden, wenn nur – vorgeblich! – alle gemeinsam an einer Sache rumschrauben. Was natürlich Unsinn ist, denn in Wirklichkeit sind es immer nur ein paar Leute, die rumschrauben, der Rest schaut zu. Bestenfalls. Im Gegensatz aber zu einer explizit repräsentativen Rumschrauberei ist es in diesem Falle eine Rumschrauberei völlig ohne jede Kontrolle von außen. Eine vergorene Eigensaftsauerei, die sich ohne jedes externe Korrektiv, ohne jede echte Gewaltenteilung zum Puzzlebausatz für die ganze Welt aufschwingt. Nur weiter so. Weg mit der Idee der Repräsentanz, weg mit der Idee des Paritätischen, und am Ende weg mit der Realität der Minderheiten! Denn das kommt immer dabei heraus, wie jede Form des Totalitätsanspruches in der Geschichte gezeigt hat. Aber visuell leicht beeindruckbar wie wir Menschen sind, erdrückt die schiere Menge des „Wissens“ jeden Zweifel, jede Skepsis. Denn was früher da in 24 Bänden die Schrankwand im Wohnzimmer zierte und maximaler Ausweis von Bildung und Wohlstand war – bei dem Preis der Brockhaus-Gesamtausgabe mit Goldschnitt! –, füllt heute nicht nur das ganze Wohnzimmer, sondern den ganzen Rest des Hauses und wahrscheinlich die Garage dazu, wenn man die Wikipedia jetzt ausdrucken würde. Ist auch wurscht, wie viel genau – jedenfalls ein riesiger Haufen Papier. Aber nichtsdestotrotz ist es ein kleiner, enger Blickwinkel von größtenteils weißen Männern zwischen 20 und 50 mit hoch spezialisierten Interessen und einem starken Belehrungsdrang. Richtig aktiv sind in dieser schwiemeligen Mittelalternachspieltruppe 0.2 folgerichtig so Spacken wie „Zinnmann“ oder „Frank Murmann“ (zack! gleich 2x „mann“ bei den Lösch-Minions! – klar, dass der Admin nur „ThePeter“ heißen kann, also: „DerSchwanz“ … was für ein ödes phallokratisches Handpuppen-Theater).

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Das könnte man nun an einer Vielzahl von Einträgen durchdeklinieren. Selbst Jimmy Wales musste einsehen, was für eine Schieflage der Kahn hat, als „Kate Middletons Brautkleid“ gelöscht wurde. Aber nehmen wir ein unscheinbareres Beispiel aus der Vielzahl der Blickwinkel-Einengungen. Und ein Beispiel soll an dieser Stelle genügen. Nehmen wir zum Beispiel einfach den Eintrag „Neil LaBute“. Den darf man ja sicher zur arrivierten Hochkultur rechnen. Einer, der mit seiner polleschschen Phrasendreschmaschine große Theater weltweit bespielt und etliche Filme gemacht hat, aber dennoch nur einem kleineren Kreis der Kunst-Connaisseure als Name bekannt sein dürfte. Schaut man sich den Eintrag genauer an, wird zwar LaButes Biographie soweit erfasst, die weiterführenden Infos sind aber nur bei den Filmen zu finden. Zu keinem seiner zahllosen Theaterstücke auch nur ein Link. Natürlich nicht, denn das Heer der Wikipedia-Autoren ist Film- oder Neue-Medien-, aber einfach nicht Theater-affin. Und bei all dem bemühten Qualitätsmanagement kommt niemand auf die Idee, dass dieser Artikel „nicht ausgewogen“ sei. Uns wundert das nicht. Es geht hier schließlich auch nicht um Qualitätssicherung, sondern um einen virtuellen Spielplatz, wo ewig Zukurzgekommene endlich mal den anderen, als „groß“ angenommenen Jungs mit ihrer Bearbeitungskelle auf den Dez hauen oder sie gar mit dem Lösch-Strahler – bzooooontttt! – pulverisieren dürfen.
Mit dieser Brille, und sowieso einer gehörigen Portion Abstand versehen, ist es übrigens durchaus erkenntnisfördernd, in diesem Paralleluniversum zu stöbern: Was wird in dem Eintrag nicht genannt? Was ist nicht verlinkt? Wer hat den Eintrag verfasst? Was schreibt dieser Benutzer sonst noch so? etc. etc.

Aber das nur nebenbei. Ansonsten wirklich von Herzen … danke!
Denn da wollen wir nicht dabei sein, da wollen wir sehr gern weiter gegen den Strom schwimmen.
Was übrigens ein Bild ist, das die eigentliche Problematik hinter der Idee von Wikipedia sehr genau trifft. Das trendige Trendforscher-Geplapper von einer angeblichen „Schwarm-Intelligenz“ hat uns, man versuche sich zu erinnern, ja nicht erst einmal braun vor Augen werden lassen. Es handelt sich hierbei um eine der dümmsten, schlimmsten und haltlosesten Behauptungen, die im Zuge der Digitalisierung der Welt in die Welt gesetzt wurde. Als wären wir alle ein Schwarm Heringe im Wasser oder Vögel über einem Herbstacker! Das Fatale nämlich an der Analogie zwischen so einem glitzernden Heringsschwarm und Menschen in einer Fußgängerzone oder einem virtuellen Raum im Netz ist ihre Grundlage: Hier bedingt ein ästhetisches Urteil – „wie schön und elegant und schnell so ein Schwarm doch agiert und reagiert!“ – die Zuschreibung von Intelligenz.
Worin exakt das Protofaschistoide dieses Ansatzes steckt. „Schön = intelligent“, also ergo auch „hässlich = dumm“. Und dumm ist ja bekanntermaßen nicht gut und muss beseitigt werden. Das ist schließlich Zivilisation. Wann also fangen wir wieder mit den Schädel-Vermessungen an?!
Aber auch anders betrachtet geht die Analogie keineswegs auf. Es ist hier nicht mal Äpfel mit Birnen vergleichen. Ein Schwarm funktioniert ja einfach deswegen so gut, weil die Mitglieder des Schwarms keine Individuen sind, sondern rein vom Instinkt gesteuerte nichtindividuelle Teile einer Masse. Keiner der Fische oder keines der Vögel hat eine Hidden Agenda. Hätten sie so eine Hidden Agenda, ein insgeheimes Interesse, eine eigentliche Absicht, würde das bedingen, dass das „intelligente“ Verhalten des Schwarmes nur so lange funktioniert, wie das für die Hintergedanken des jeweiligen Schwarmmitgliedes günstig ist. Sobald aber die Bewegungsrichtung des Schwarms gegen diese subtextuellen Interessen verläuft, scheren die Betroffenen sofort aus oder starten Versuche, die anderen Mitglieder im Schwarm zu manipulieren oder gar das ganze Unterfangen zu sabotieren. Eben was Menschen in der Gruppe und in der Masse jeden Tag so machen. Schwarm-Intelligenz ist in der ökonomischen Realität des Turbokapitalismus lediglich eine viable Fiktion von Leuten, die andere mittels dieser Phantasterei vor ihren Karren spannen wollen, um über die Mitarbeit der Vielen „an der großen Sache“ Mehrwert für sich allein zu schöpfen.
Nein, da sind wir lieber Eierköpfe in unserer je eigenen Monaden-Schale anstatt Rheingold-Sardinen in Öl.

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Sehr hellsichtig von diesem Galilei damals, seine absurde These zu widerrufen!