06.03.2017

Salzhölle der Flamingos

Tierfilme als Propaganda

Fernsehfriedhof.de - Z-Bar Berlin - 6. März 2017, 20 Uhr

flamingos

Dokumentarfilm ist eine Fiktion – doch wie immer ist dies nur die halbe Wahrheit. Kaum jemand dokumentiert das besser als der alte Tierfilmer-Haudegen Vitus B. Dröscher. Nie wurde der Überlebenskampf in der Fauna packender und frontberichterstattermäßiger geschildert als von diesem Apologeten der Schicksalsbestimmung. Schon die Eröffnungsszene der Serie, die Mitte der 90er auf Sat1 lief, ein Bwana-Traum allererster Klasse. Vitus B. vor fragwürdiger Dschungelkulisse auf dem Beifahrersitz im offenen Daktari-Jeep, der schwarze Boy am Steuer, und seine Frau sitzt, natürlich, hinten und hält den Mund (Lebenszweck: Kopf gegen nicht vorhandenen Überrollbügel schlagen). Und dann führt er uns ohne jede Gnade eines Gleitmittels ein in die Travestie-Welt dieser rosa Schönheiten, die mit ihren Lederstrumpfbeinen in der Säurehölle des Salzsees herumstehen, während sie von „jungen Kampfadlern“ angegriffen werden. Die Pforten der Wahrnehmung hängen bei Vitus B. nur noch lose in den Angeln, wenn er sich an seinen sozialdarwinistischen Idealen, seiner latenten Homophilie und seinen sadomasochistischen Obsessionen wortreich abarbeitet.

Soweit, so lustig. Aber der Fernsehfriedhof.de wäre nicht der Fernsehfriedhof.de, wenn es nicht um immer noch mehr ginge. Selbstverständlich ist Dröschers TV-Doku über Flamingos nur ein krasser Ausrutscher. Aber er schärft die Sinne. Auch andere Flamingo-Dokumentaristen tappen in dieselbe rostige Schnapp-Falle. Wort, Bild, Ton und Montage anthropomorphisieren, was der Daumen dieser Krone der Schöpfung aus den Worthülsen auszudrücken vermag. Immer wieder der völlig zusammenhanglose Zusammenhang zwischen Schönheit, Fragilität, Singularität, Verletzlichkeit einerseits und tödlichem Schicksal andererseits. Und dass das beileibe keine mediale Irrlichterei des letzten Jahrtausends ist, zeigt dann noch ein kleines Stück aus einer BBC-Tier„doku“ von 2016. Unglaublich viel bessere Aufnahmen zu noch fulminanterer Musik, die genau denselben Quatsch transportieren wie damals. Das hätte Jim mal bei der BBC fixen sollen!

Aber sei’s drum! Dokumentarfilme präsentieren einfach kein sogenanntes objektives, umfassendes Dokument eines Außen, sehr wohl aber ein Dokument des Innenlebens der Schöpfer. Nicht das Abgebildete ist wahr, sondern der Blick darauf. Und das kann sehr spannend sein.

Nach so viel reflektorischer Arbeit dürfen sich die Teilnehmer der Sozialen Plastik bei einer Folge Mein Freund Ben von 1969 ausruhen, in der der große, gutmütige Ben (ein zwei Meter großer Grizzly) dem Wildhüter beim Beseitigen einer Flamingo-Falle in den Sümpfen Floridas hilft.